Vampire: Gentleman oder grausame Bestie?

Schon die ersten beiden berühmten Vertreter der Gattung Vampire, Nosferatu und Dracula, ließen die Frage nach Bestie oder Gentleman entstehen. Nosferatu ist die leicht missgestaltete Vampirfigur, die mit unproportionalen Gliedmaßen, spitzen Nagezähnen und in schäbiger Kleidung Tod und Krankheit verbreitet. Er erinnert an eine Ratte, was angesichts seiner ursprünglichen Bedeutung im rumänischen Volksglauben durchaus zutreffend ist. Nosferatu galt hier nämlich als Überbringer von Seuchen und Tod. Lediglich das Vampir-Dasein gibt es im Volksglauben nicht.

Entgegen des viele Menschen abstoßenden Äußeren von Ratten genießen Wölfe einen weitaus edleren Ruf. Entsprechend wurde Dracula von seinem Schöpfer Bram Stoker mit einem wolfsähnlichen Gebiss ausgestattet, dessen Fokus auf den zu Reißzähnen verlängerten Eckzähnen liegt. Dracula hat auch sonst nur den Blutdurst mit Nosferatu gemein. Graf Dracula, dem neben Nosferatu auch Vlad Draculae, der Pfähler, als Vorbild gedient haben soll, ist von altem Adel. Gebildet und mit besten Manieren empfängt er Gäste, umgarnt Frauen und täuscht seine Opfer. Für die „niederen“ Arbeiten wie Botengänge oder der Entsorgung von Leichen bedient der Graf sich seines Lakaien Renfield. Dieser ist ein unangenehmer Zeitgenosse, der die Abneigung des Lesers mit seiner Zoophagie, dem Verspeisen lebender Insekten, verdient und vor keiner noch so grausamen Tat zurückschreckt.

Vampire

Die Faszination Vampir

Die Figur des Vampirs hat sich im Lauf der letzten Jahrzehnte teils massiv gewandelt. Längst sind Vampire nicht nur nachtaktive Adelige, die ihrem Trieb folgen. Sie sind Romantiker, Verführer, gequälte Seelen, reagieren nicht mehr oder nur geschwächt auf die alten Bannwerkzeuge wie Weihwasser und Kruzifix und liegen in modernen Romanen häufig mit dem Geschlecht der Lycaner, den Werwölfen, im Krieg. Während einige Vampire ihren Blutdurst mit Genuss stillen, versuchen andere Vampire ein Leben ohne diese unheilvolle Sucht mit ihren notwendigen Morden zu führen und stellen ihre Fähigkeiten sogar in den Dienst der Menschheit.

Mal reich und von Adel, mal als Teenie mit Jahrhunderte alter Vorgeschichte haben die Vampire von heute häufig gemeinsam, dass sie auf das jeweilig andere Geschlecht nicht nur geheimnisvoll wirken, sondern geradezu erotisch. Kaum ein Opfer kann sich ihrer Mischung aus Leidenschaft, Lust und tierische Wildheit entziehen. Der Vampir kennt im Rausch keine Zurückhaltung bricht etliche Tabus, wozu ein rationaler Mensch meist nicht den Mut hat. Zur ihren Verführungskünsten kommen hohe Bildung, finanzielle Unabhängigkeit und Lebensumstände hinzu, die weit vom Alltag Sterblicher entfernt sind.

Als Vampir erreicht man scheinbar mühelos seine Ziele, manipuliert spielend Menschen, verfügt über besondere Fähigkeiten wie das Verwandeln in Nebel, Wolf oder Fledermaus und ist obendrein auch noch fast unsterblich.

Vampir sein

Gäbe es Vampire wirklich, würden wahrscheinlich viele Menschen gern zu dieser Spezies gehören. Und das ungeachtet der Konsequenzen wie die Unverträglichkeit von Sonnenlicht, allergische Reaktionen auf Kruzifix, Knoblauch und Weihwasser oder die Kleinigkeit, dass man ständig frisches Blut benötigt, um weiter zu existieren. Im Film ‚Daybreakers‘ von 2010 kann man sehen, wohin dies womöglich führen würde. Die Ressource Mensch wird in diesem Streifen nämlich langsam knapp.

Da ist es dann sicher besser, man verwandelt sich mittels Kostüm in einen Vampir und trifft sich mit Gleichgesinnten auf einer Mottoparty, wo sich mit Humor, guter Laune und Flirts die eine oder andere Seele der Nacht ebenfalls auf ein ewiges Leben mit dem Gentleman und der Bestie in ihm einlässt.